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Júlia Murats Locarno-Gewinner erkundet Theorie und Praxis des Körperlichen

Jakob Dibolds Filmkritik zu REGRA 34 im RAY Filmmagazin


Hier gehts zum Artikel: Magazin 12/2023

Das Recht, aufgrund fehlender finanzieller Mittel kostenlose strafrechtliche Verteidigung zu beantragen, ist – eine Einzigartigkeit – in der Verfassung Brasiliens verankert. Eine solche vom Staat angestellte Pflichtverteidigerin wird Simona, eine in Rio de Janeiro ansässige junge Frau der Global Majority, die sich für Frauenrechte und Opfer von Beziehungs-Gewalt verschiedener Ausprägungen engagiert. In vermeintlichem Kontrast zu ihrem seriösen, kritisch-diskursivem Auftreten in den Jus-Seminaren steht Simonas offenes Nachgehen ihrer Leidenschaften im Privaten, sie lebt polyamourös, Normen entgegen, und nicht ohne gewisse Lust bei der Sache erscheint sie auch in ihrer gesellschaftlich tabuisierten Erwerbstätigkeit: Live-Camgirl auf dem Webportal Chaturbate. Während in unterschiedlichen Gruppen über häusliche, staatliche, psychische Gewaltformen theorisiert wird, beginnt Simona parallel dazu, neue Facetten ihrer eigenen sexuellen Identität zu entdecken, im nicht immer reibungslosen Austausch mit ihrer Freundin Natalia, aktiv-vollziehend mit Coyote, gegen die Einwände von Lucia, und letztlich in gefährlichem Ringen mit eigenen Überzeugungen im Angesicht eines faszinierenden Unbekannten. Dies ergibt einen Spiel-Film, in dem die Hauptfigur Runde für Runde selbstbestimmt Grenzen auslotet, vielleicht überschreitet, ihre BDSM-Neugier Kreise bis in die Tiefen ihre Psyche ziehen lässt.


2022 wurde Regra 34 beim Locarno Film Festival mit dem Hauptpreis ausgezeichnet, der junge Verleih Kinema 21 realisiert nun endlich einen österreichischen Kinostart. Vielleicht hatte man andererorts Bedenken, weil das neue Werk der vielfach preisgekrönten Filmemacherin Júlia Murat in seiner Direktheit, seiner Explizitheit beinah irritierend leichtfüßig wirkt. Die gekonnt inszenierte Verflechtung des Nachdenkens über Gewalten und erotischer, begehrlicher Selbstfindung im Setting der komplexen Lebensrealität einer Woman of Color in einem patriarchalen, postkolonialen Nationalstaat mutet in ihrer Beschreibung anstrengend an, sperrig, doch Regra 34 ist, obwohl all dem Rechnung tragend, wunderbar einnehmend, nicht aufgesetzt wirkend, eigentlich ein sehr zugänglicher Film. Die Selbstverständlichkeit, mit der Júlia Murat ihre Themen in Angriff nimmt, ist zu großen Teilen auch Verdienst der hervorragenden Hauptdarstellerin Sol Miranda: Eine Entdeckung, wie sie mittels Wechseln ihres Verhaltens, ihrer Mimik und Gestik, je nach sozialem Kontext, gleichsam die Stimmung des Films in sanftem Zick-Zack variiert. Ein offensives Werk im besten Sinn, nimmt Regra 34 seine durchaus großen Fragen mit entschiedener Physis in Angriff, gleichsam für sein Publikum sensuell erfahrbar.

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